Seit mittlerweile zwei Jahren gibt es das Projekt „Interkulturelle Bildung mit der SoLaWi Bonn“:

Auf dem Hof der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) Bonn/Rhein-Sieg in Bornheim-Uedorf können sich interessierte Gruppen über den biologischen und nachhaltigen Anbau von Gemüse, den besonderen Ansatz der SoLaWi, globale Ernährungszusammenhänge sowie weiterführende Themen informieren und austauschen. Sie haben die Möglichkeit, Einblick in eine nachhaltige landwirtschaftliche Praxis zu erhalten sowie – ein ganz wichtiges Element – auf dem Feld mit anzupacken und gemeinsam zu gärtnern.

Unsere Praktikantin Emily Becker hat sich mit den sozialpsychologischen Hintergründen unseres Ansatzes beschäftigt und in der Literatur einiges gefunden:

Gemeinsames Arbeiten in Gärten oder auf landwirtschaftlichen Flächen wird zunehmend als Ansatz der Integration genutzt, weil es soziale, praktische und psychologische Ebenen gleichzeitig anspricht (vgl. Langerman et al. 2025). Ein wesentlicher Aspekt davon ist das praktische Arbeiten selbst, denn das gemeinsame Tätig werden auf dem Feld setzt niedrigschwellige Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten, und soziale Interaktionen entstehen fast von allein. Diese Form der Interaktion ist besonders für Menschen mit Migrationshintergrund relevant, da sie häufig vor sprachlichen oder institutionellen Barrieren stehen (vgl. El-Mafaalani, 2023). Das gemeinsame Ernten, Jäten oder Säen schafft dagegen eine gemeinsame Praxis, bei der die Kommunikation auch ohne viele Worte auskommt. Studien zu Community Gardening haben gezeigt, dass solche gemeinschaftlichen Aktivitäten das soziale Kapital, Vertrauen und Zugehörigkeitsgefühl erhöhen (vgl. Egli et al, 2026).

Die Studie von Langermann et al., welche die Wirkung von urbaner Landwirtschaft auf Gruppen von Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund untersucht hat, ist ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass das landwirtschaftliche Arbeiten eine wichtige Rolle dabei spielt, ein Gefühl von Gemeinschaft in diesen Gruppen zu schaffen (vgl. Langerman et al. 2025).

Das Arbeiten in Gärten oder auf landwirtschaftlichen Flächen kann außerdem das Gefühl der sozialen Teilhabe und der Selbstwirksamkeit steigern. Die Soziologin Christa Müller schreibt dazu, das Handeln an der „Schnittstelle von Integration und Ökologie“ ermögliche den Akteuren, „unterbrochene Fäden“ wiederaufzunehmen, da sie beispielsweise einen vertrauten Bezug zur Natur wiederherstellen oder ihr Erfahrungswissen, das durch Flucht oder Migration seinen Kontext verloren hat, rekonstruieren und neu verorten (Müller, 2002, S.12). Diese Praxis hilft demnach, sich selbst wiederzufinden und gleichzeitig einen Beitrag zur Zivilgesellschaft zu leisten (vgl. Müller, 2002, S.12). Durch das Aktivwerden der Teilnehmenden werden Räume der Selbstwirksamkeit geschaffen, welche wiederum eine wichtige personale Ressource für die Bewältigung verschiedenster Herausforderungen oder Aufgaben ist (vgl. Stangl, 2026).

Ein weiterer Aspekt auf der psychologischen Ebene ist die Möglichkeit, einen Heilungsprozess von Traumata anzustoßen, welcher in der Vertrautheit mit dem eigenen Anbau von Lebensmitteln verortet ist (vgl. Lagerman et al., 2025). Autonomie und Handlungsfähigkeit sind wichtige Komponenten der Heilung (ebd.). Allgemeine Studien zu den Auswirkungen von Naturerfahrungen auf die Psyche haben außerdem gezeigt, dass diese zu einer Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit beitragen. Dabei wird die Wichtigkeit von Naturkontakt insbesondere für Kinder und sozioökonomisch schwächere Gruppen hervorgehoben (vgl. Maas et al., 2009; Harting et al. 2014).

Insgesamt zeigt sich also, dass Integrationskonzepte, welche auf Natur und praktischen Tätigkeiten basieren, einen wichtigen und sinnvollen Beitrag zu einer Gesellschaft leisten können, in der sich alle Menschen willkommen und gut aufgehoben fühlen.

Wir freuen uns, dass unser Projekt auch in der Literatur Bestätigung findet. Und die positiven Reaktionen unserer großen und kleinen Besucher und Besucherinnen auf dem Hof bestätigen uns darin, am Ball zu bleiben!

Text: Emily Becker, Mika Wagner

Redaktion:
Bartosz Bzowski

Literatur:
Egli, V., Oliver, M., & Tautolo, E. S. (2016). The development of a model of community garden benefits to wellbeing. Preventive medicine reports, 3, 348-352.

El-Mafaalani, A. (2023). Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund und Migrantisierten. In: Scherr, A., Reinhardt, A.C., El-Mafaalani, A. (eds) Handbuch Diskriminierung. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-42800-6_26

Langerman, S., Juarez, N., Magan, I. M., & Gonzalez Benson, O. (2025). Urban Agriculture Interventions in Refugee and Immigrant Communities: A Scoping Review: Langerman et al. Journal of Urban Health, 102(4), 857-871.

Hartig, T., Mitchell, R., De Vries, S., & Frumkin, H. (2014). Nature and health. Annual review of public health, 35, 207-228.

Maas, J., Verheij, R. A., de Vries, S., Spreeuwenberg, P., Schellevis, F. G., & Groenewegen, P. P. (2009). Morbidity is related to a green living environment. Journal of Epidemiology & Community Health, 63(12), 967-973.

Müller, C. (2002). Wurzeln schlagen in der Fremde. Die Internationalen Gärten und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse.

Stangl, W. (25. März 2026). Selbstwirksamkeit – Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.

https://lexikon.stangl.eu/1535/selbstwirksamkeit-selbstwirksamkeitserwartung